Auf dem Jakobsweg mit Anne

Anne Kemink-Buß, Mitglied der Frauenkreises der Suderwicker Kirchengemeinde hat sich selbst ein nicht alltägliches Geschenk zum 60. Geburtstag gemacht: Einmal den Jakobsweg nach Santiago de Compostela laufen. Am Donnerstag, den 27. März 2014, berichtete sie den anderen Mitgliedern des Frauenkreises von diesem einmaligen Erlebnis. Eine Arbeitskollegin hatte aus ihren Fotos eine herrliche CD zusammengestellt und mit spanischer Musik unterlegt. Anne gab zunächst einen Überblick über die gelaufene Strecke. Dann zeigte sie die CD auf ihrem eigens mitgebrachten Großbild-Fernseher und gab die entsprechenden Erklärungen dazu, während ihr Publikum sich an spanischer Mandeltorte, Snacks und Getränken gütlich taten.

6 Wochen war Anne zu Fuß unterwegs durch das bergige Navarra, die hügelige Weinregion Rioja und die flache Meseta in Kastilien-León nach Santiago de Compostela in Galizien, rund 800 km zu Fuß.

Gestartet in San Jean Pied de Port im französischen Baskenland, durchquerte sie die spanischen Pyrenäen über die Route Napoleon, vorbei an Orisson Richtung Roncesvalles. Weil gleich zu Anfang der Pilgerreise der Col de Lepoeder mit seinen 1437 Metern Höhe bezwungen werden muss, wird diese Etappe Königsetappe genannt. Wie Anne erzählte, empfand sie diese Strecke als anstrengendste der ganzen Pilgerreise, denn als es später sogar auf 1500 m Höhe ging, war sie bereits an das Laufen im Gebirge gewöhnt.

Malerische Dörfer und uralte Brücken begleiten die Pilger auf ihrem Weg. Weil ein Paß einige Tage wegen schlechten Wetters geschlossen war, hatte sich ein Pilgerstrom auf gestaut. Dadurch war der „Camino“, wie der Jakobsweg im Volksmund genannt wird, zunächst stark frequentiert. Doch jeder läuft in seinem eigenen Tempo. Durchtrainierte junge Sportler schaffen schon mal 40 km pro Tag, andere nur 5 oder 10 km. Manche laufen nur bis Mittag und sehen sich danach noch etwas um, andere haben ein straffes Zeitschema. So entzerrte sich die Menge, und schon bald lief Anne kilometerweit allein auf dem nur für Fußpilger bestimmten Weg, durchschnittlich 20 km pro Tag. Traf sie dann mal auf eine Menschenseele, freute sie sich, und man unterhielt sich, notfalls mit Händen und Füßen, bevor jeder wieder in seinem eigenen Tempo weiterlief. Manchen traf sie abends in der Pilgerherberge oder zu einem späteren Zeitpunkt wieder, andere hatten sich übernommen und mussten aufgeben. Bei weiteren Treffen begrüßen sich solche Zufallsbekanntschaften gleich mit großem Hallo, so dass man sich gleich wie zu Hause fühlt. Rosalie aus Sizilien, Sally und Don aus Amerika, Pierre aus der Schweiz sowie die Deutschen Jana und Jacqueline traf Anne immer wieder auf ihrem Weg bis Santiago.

In den Pilgerherbergen können Pilger gegen Vorlage ihres Credencial del Peregrino (Pilgerausweises) für ca. 5 bis 10 € übernachten, und meist gibt es für kleines Geld ein Frühstück oder am Abend ein Pilgermenü, manchmal auch in nahe gelegenen Bars oder Restaurants. Manche Pilgerherbergen sind ganz hervorragend mit Duschgelegenheit und Möglichkeiten, seine Wäschen zu waschen, andere wiederum sind primitiv bis gewöhnungsbedürftig. Wenn man Pech hat, muss man am nächsten Morgen erst einige Kilometer marschieren, bevor es Frühstück gibt. In den meisten Pilgerherbergen müssen alle Pilger die Herberge morgens gegen 8 Uhr verlassen. Wer es sich leisten kann, kann sich natürlich auch ein Privat- oder Hotelzimmer mieten.

Anne berichtete, dass das Wetter sehr wechselhaft war, mal Sonne, mal Wolken. Oft habe es auch geregnet, und in den Bergen sei es auch mal ganz schön kalt gewesen. In der Meseta, wo es im Sommer bis zu 40°C heiß werden kann, habe sie den Regen durchaus genießen können, berichtete Anne, weil es dann weniger staubig sei und wir Nordlichter so eine extreme Hitze auch nicht gewöhnt seien. Doch in den Bergen, wenn zum Regen auch noch Wind und Kälte hinzu kamen, gab es durchaus mal den einen oder anderen Durchhänger, wo sie morgens am liebsten im Bett geblieben sei. Dann hieß es „Zähne zusammenbeißen, Augen zu und durch!“ Sei sie dann erst einmal wieder auf dem „Camino“ gewesen, seien die Startschwierigkeiten auch schon vergessen gewesen. Die faszinierende Landschaft und die herrliche Natur entschädigten für fehlende Wärme und Komfort. In der Einsamkeit habe man viel Zeit, seine Gedanken kreisen zu lassen. Vieles, was vorher ein Problem war, erscheine nun völlig unbedeutend und fern. Mit der Zeit gelange man zu einem völlig neuen Denkansatz und werfe Hektik, Stress, Unsicherheit und alltäglichen Ärger ab. Die Stille des Weges und die ausgeglichene Natur lasse eine völlig neue Ruhe im Inneren des Menschen aufkommen. Auch wenn sie oft allein gelaufen sei, habe sie nie Angst gehabt.

Gleich in Pamplona setzte sich Anne auf eine Bank und sortierte ihre Sachen neu. Alles, was nicht unbedingt nötig war, wurde in eine ebenfalls unnötige Bauchtasche gepackt und nach Hause zurückgeschickt, weil man bei einem so langen Fußmarsch jedes unnötige Gramm vermeidet. (Die zurückgesandten Badesandalen wurden nach der ersten nicht so sauberen Pilgerherberge durch ein neues Paar ersetzt.) Im wahrsten Sinn erleichtert ging es mit frischem Mut weiter.

Unterwegs grüßten immer wieder Störche von ihren Nestern auf den Kirchtürmen, in Villar de Mazarife waren gar drei bewohnte Nester auf einem Kirchturm. Weiter führte der Pilgerweg nach Villares de Orbigo mit seiner weltberühmten, 300 m langen Steinbrücke, die Puenta de Orbigo, die mit ihren 20 Bögen über das Überschwemmungsgebiet und den Fluß Rio Orbigo führt. Nach Astorga erreichte Anne auf der Hochebene des Monte Irago einige Kilometer vor Ponferrada das bekannte Eisenkreuz/Cruz de Ferro in 1498 m Höhe. Laut Anne ist dies eine der schlichtesten und doch eindrucksvollsten Stellen am Jakobsweg. Traditionsgemäß lassen Pilger einen Stein, auf den sie ihre Lasten werfen, am Eisenkreuz zurück. Doch wie sehr Anne auch ihren Rucksack durchwühlte, der eigens aus Suderwick mitgebracht Stein war nicht auffindbar. (Nachher stellte sich heraus, dass sie ihn mit den überflüssigen Sachen nach Hause zurück geschickt hatte.) So musste Anne ihren Weg belastet weitergehen und hat nun einen Grund noch einmal zurück zu kommen.

Der Abstieg im Regen nach Ponferrada glich einem Gang durch die Schlammwüste. Alle Pilger hatten nur einen Gedanken: „Bloß nicht ausrutschen!“

In der Kirche von Ponferrada, 200 km vor Santiago, spendete der Pastor den Pilgern in einer messe, an der auch Anne teilnahm, den internationaler Pilgersegen.

Bei Portomarin führte der „Camino“ an einem im Stausee versunkenem Dorf vorbei. Nur die Kirche gibt es noch, weil die Dorfbewohner sie Stein für Stein abgetragen und oberhalb des Stausees wieder aufgebaut haben.

Sarria (125,5 km vor Santiago de Compostela) begrüßte die Pilger am einem Feiertag mit bunten Blumenteppichen in der Altstadt.

Auf dem Monte Gozo, ca. 5 km vor Santiago, wo auch der Papst bei seinem Spanienbesuch gestanden hat, stehen zwei lebensgroße Pilgerfiguren, die mit ihren ausgestreckten Armen direkt auf die Kathedrale von Santiago de Compostela zeigen. Hier wurde Anne von ihrer Tochter Manuela erwartet, die mit dem Flugzeug angereist war, um die letzten Kilometer zusammen mit ihrer Mutter nach Santiago de Compostela zu laufen. Gemeinsam mit vielen anderen Pilgern betraten sie die imposante Kathedrale von Santiago. Über ihren Köpfen pendelte der Botafumeiro, ein großes Weihrauchgefäß, hin und her. Angeblich schwenken die Priester es, um den Geruch der verschwitzten Pilger zu überdecken. Nach dem wochenlangen Fußmarsch die Kathedrale endlich zu erreichen, war überwältigend. Das Gefühl, es geschafft zu haben, war trotz aller körperlichen Erschöpfung unbeschreiblich.

Abschließend bekräftigte Anne noch einmal, dass diese Pilgerreise für sie die Erfüllung eines langgehegten Traumes war, die sie nur durch exakte Vorbereitung incl. Lauftraining und Gesundheits-Checks schaffen konnte. Sie sei überwältigt gewesen, wie unheimlich herzlich und gastfreundlich nicht nur sie, sondern alle Pilger, von den Spaniern behandelt wurden. Trotzdem wäre die Reise niemals erfolgreich gewesen, wenn sie nicht zu Hause durch ihren Mann, ihre Kinder und ihre Schwester unterstützt und getragen worden sei. Er ermutigte sie, ihren Traum durch zu führen, als sie kurz vor der Abreise einen Rückzieher machen wollte. Täglich telefonierten sie miteinander, so dass der eine immer wusste, wie es dem anderen gerade ging und was er dachte. Nur mit diesem perfekten Rückhalt konnte die Pilgerreise so unbeschreiblich einzigartig werden.
In Kürze hier der Film dazu!!!