Predigt Roger Hartmann

Pastor Roger Hartmann 2Auf mehrfachen Wunsch stellte uns Pfarrer Roger Hartmann seine am Pfingstsonntag, 8. Juni 2014, in Suderwick gehaltene Predigt freundlicherweise zur Veröffentlichung zur Verfügung.
Predigttext: Apg 2, 1-8.12-21 / Röm 8,1-2.10-11 (Text d. So)

Kanzelspruch: Dein Wort sei meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.

Textlesung: Apg 2,1-8.12-21 – So geht die Geschichte von Pfingsten
Liebe Gemeinde!

Rot! Rot! Rot! – Pfingsten, das Fest mit der eigenen Farbe.
Rot, wie die Farbe der Tücher an Altar und Kanzel.
Rot, wie die Liebe.
Rot, wie das Feuer.
Rot ist die Farbe des Heiligen Geistes.

Chor: Für mich soll’s rote Rosen regnen,
mir sollten sämtliche Wunder begegnen.

Ein gewaltiger Wind weht durch die Reihen der Anwesenden aus aller Herren Länder.

Rote Feuerflammen lassen sich auf jeden von ihnen herab. – Und alle reden in einem Geiste, mit einer Stimme, in allen Sprachen und jeder versteht jeden – babylonische Sprachentwirrung. – Geistesgegenwärtig schauen sie einander an, ein Lächeln des Verstehens gleitet über ihre Gesichter. Wer sich vor Sekunden noch fremd war, versteht sich plötzlich. Wer vor Augenblicken noch nie ein Wort miteinander gewechselt hatte, redet miteinander, als ob schon ewig Vertrautheit gewesen wäre. Wen man gerade noch für einen bedrohlich wirkenden Ausländer hielt, mit dem ist man urplötzlich im Geiste vereint.

Die Begeisterung geht mit Verwirrung einher. Wie kann das sein? Wie geht das denn? Die Verwirrung nimmt zu. Mit kugelrunden Augen schaut man erstaunt einander an. Ratlosigkeit macht sich breit. – Es darf nicht sein, was nicht sein kann. Das hier kann nicht sein. Das hier darf nicht sein. Das geht doch gar nicht! – Es kann nicht schlagartig anders sein, als es immer gewesen ist. – Veränderung, die einfach überfordert. – Es muss eine Erklärung für dieses wundersame Geschehen her. – Menschen müssen für alles eine Erklärung haben. Sonst hält man sich selber für wunderlich.

Nur die scheinbar Naiven setzen auf das Wunderbare, setzen auf ein Wunder, das alle zur Sprache bringt, alle einander verstehen lässt, das die Mauern zwischen vorher Fremden einreißt. – Die scheinbar Naiven also setzen auf ein Wunder. –

Die Klugen, die Vernünftigen, die Aufgeklärten halten mit Spott dagegen: Der Geist, der euch beflügelt, heißt Weingeist. Kein Spirit, sondern Sprit! Kein Wunderdusel, sondern Fusel! Kein Mysterium, sondern Delirium! –

Mit dem Hereinbrechen von Wundern kann nicht gerechnet werden. Sie brächten auch alles durcheinander. Wo kämen wir denn hin, wenn alle miteinander redeten, wenn alle einander verständen, wenn der Fremde nicht mehr als bedrohlich empfunden würde. – Ja, wo kämen wir denn da hin, wenn alle eines Geistes wären? Ja, wenn das so wäre, würde es für mich ja möglicherweise rote Rosen regnen.

Chor: Für mich soll’s rote Rosen regnen,
mir sollten sämtliche Wunder begegnen.

Für mich soll’s rote Rosen regnen, mir sollten sämtliche Wunder begegnen, die Welt sollte sich umgestalten ….., so lauten Zeilen aus einem alten Chanson von Hildegard Knef, in dem sie alles auf eine Karte setzt, die Karte des Wunders. Mit dem Hereinbrechen von Wundern ist seit Pfingsten zu rechnen.

Genau das tut Petrus in unserem Pfingsttext. Nachdem er mit lässiger Geste den kollektiven Suff am frühen Morgen beiseite geschoben hat, zeigt er, dass es nötig ist, dass sämtliche Wunder geschehen müssen, um die Welt umzugestalten. Denn nur so können junge Menschen Visionen haben, sprich: Die Zukunft anfassen. Denn nur so können ältere Menschen ihre Träume leben, statt wunschlos unglücklich zu sein. Denn nur so können wir alle mit Feuereifer und nicht blutleer auf das Ende aller Schrecken, das Ende des Dunkels, das Wunder aller Wunder, hinarbeiten. – Das Wunder der Geistesgegenwart also: Alle verstehen einander, alle reden miteinander und empfinden den Fremden nicht als Bedrohung.

Warum das so ist, erklärt uns Paulus im Römerbrief 8, 1b-2.10-11, dem Predigttext für den heutigen Pfingstsonntag.

1b) So gibt es nun kein Verdammungsurteil für die, die in Christus Jesus sind. 2) Denn das Gesetz des Geistes, der in Christus Jesus lebendig macht, hat dich frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes. … 10) Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot auf Grund der Sünde, der Geist aber ist Leben auf Grund der Gerechtigkeit. Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch den Geist, der in euch wohnt.

Dieser Text, ein Kerntext christlichen Denkens, ein Wunder des menschlichen Geistes, Paulus eben, geht nach einmaligem Hören nicht so einfach in den Geist, ist eine geistige Herausforderung in Sachen Heiliger Geist. – Darum eine kurze Zusammenfassung:

1)Wer Christus glaubt, landet nicht mehr im letzten Gericht, denn Christus hat durch Tod und Auferstehung auch meine Sünden auf sein Kreuz geladen.
2) Mir sind also Sünde und Tod genommen. Ich habe den Geist des Lebens gewonnen.
10) Mein Körper mag sterben; mein Geist wird leben, weil Gott in der Auferstehung aus toten Leibern lebendige Menschen macht.

Chor: Für mich soll’s rote Rosen regnen,
mir sollten sämtliche Wunder begegnen.

Für mich soll’s rote Rosen regnen, mir sollen ganz neue Wunder begegnen, mich fern vom Alten neu entfalten …

Das rote Feuer der roten Liebe Gottes regnet an Pfingsten als rote Rose auf mich herab. – Rote Rosen sind nicht die Liebe Gottes. Sie sind die Sprache der Liebe. – Wer rote Rosen geschenkt bekommt, der weiß genau, was gemeint ist: Das Wunder der Liebe ist für mich da.

Kommen Sie bloß nicht auf die Idee, das verstehen zu wollen. Wunder kann man nicht verstehen, sonst wären sie keine. Wer es verstehen will, dem wird das Wunder nicht begegnen, für den wird es keine roten Rosen regnen. Der wird ratlos dastehen (siehe Apostelgeschichte 2, 12) und sich das Hirn zermartern, wie das geht, was nicht gehen kann. Der wird die anderen für besoffen halten und ernüchtert feststellen müssen, dass er nicht zu den Begeisterten gehört.

Wer es in Sachen Liebe, sei es in der Liebe Gottes, sei es in der Liebe eines Menschen – Wo ist eigentlich der Unterschied? – mit Vernunft versucht, der wird sie nie erleben.
Wer in Sachen Liebe, sei es die Liebe Gottes, sei es die Liebe eines Menschen – Wo ist eigentlich der Unterschied? – die Bedeutung der Liebe an sich sucht, der wird die Liebe nie finden.
Wer in Sachen Liebe, sei es die Liebe Gottes, sei es die Liebe eines Menschen – Wo ist eigentlich der Unterschied? – nüchtern analysiert, ob es denn Liebe sein könnte, der wird das Gefühl besoffen zu sein vor Liebe und Glück nicht kennenlernen.

In der Sprache des Paulus bedeutet dieses „Trachten des Fleisches Tod“ (Römer 8, 6) den Tod mitten im Leben, das kein Leben ist. Wer sich auf den Geist der Liebe einlässt, für den bedeutet, um wieder mit Paulus zu sprechen „das Trachten des Geistes aber Leben und Frieden“ (Römer 8, 6).

Chor: Für mich soll’s rote Rosen regnen,
mir sollten sämtliche Wunder begegnen.

Für mich soll’s rote Rosen regnen, mir sollen sämtliche Wunder geschehen, die Welt sollte sich umgestalten und ihre Sorgen für sich behalten.

Kommen Sie bitte immer noch nicht auf die Idee, Wunder verstehen zu wollen. Wunder kann man nicht verstehen, sonst wären es keine Wunder. Wunder kannst du nur glauben.

Dennoch: Wir Menschen suchen nach Erklärbarem, dem Verstehbaren. Jesus selbst hat diese, unsere menschliche Schwäche erkannt und als wahrer Mensch die unerklärliche und unverstehbare Wahrheit des wahren Gottes übersetzt: In Gleichnissen hat er meisterhaft in poetischen Kunstwerken das unsagbare Wunder sagbar gemacht.

Ich unternehme jetzt auch einen Versuch. Es ist nicht Hybris, es ist nicht Größenwahn, es ist der Versuch, das Wunderbare sagbar zu machen – Scheitern inklusive.

Samstagnachmittag. Kurz nach 17.00 Uhr. Im Stadion Ihres Lieblingsvereins in der Fußballbundesliga. Sie sind einer von 80.000. Sie feiern, sie leiden, sie fiebern, sie feuern an. Es geht um alles. Und das ist für einen echten Fan nicht untertrieben. Es geht also um alles. – Und die anderen, die alles wegkaufen, was gut und teuer ist, die sich lange einen Präsidenten leisten, den man sich nicht leisten sollte, sind wie immer der Favorit. –

Eigentlich hilft nur noch ein Wunder, ein Fußballwunder, wie einst das Wunder von Bern. – Wie gesagt: Es geht um alles und vielleicht um noch viel mehr. Ein Wunder muss her! Die eigene Deckung steht tief, zu tief, weil der Gegner so drückt. Das Runde, das in das Eckige soll, läuft durch die Reihen der Gegner wie am Schnürchen. Und wenn wir einen Augenblick die Vereinsbrille absetzen, erkennen wir die Überlegenheit, den immensen Ballbesitz, das Tor liegt sozusagen in der Luft. Nur noch Minuten zu spielen. Und wir alle kennen den Massel gerade dieses Vereins, in den letzten Minuten zuzuschlagen!

Da! Ballverlust des Gegners! Ein langer öffnender Pass in den Raum! Unser Stürmer gewinnt das Laufduell mit dem Verteidiger! Fast von der Außenlinie schiebt er den Ball butterweich nach innen, direkt in die Füße des Mitspielers, der auch in diesem Spiel seinem Beinamen „Chancentod“ alle Ehre gemacht hat!

Entsetzte Hoffnung in den Augen und …. und drin …. drin …drin! Tor! Tooor!!! –

79.999 Kehlen schreien es! 79.999 Armpaare fallen sich um den Hals! 79.999 Menschen benehmen sich wie Verrückte, gestikulieren, toben, johlen, knutschen Unbekannte!
Die allgemeine Liebe scheint ausgebrochen!
79.999 verstehen sich, obwohl sie völlig verschiedene Sprachen sprechen, obwohl sie sonst nichts miteinander gemeinsam haben, obwohl sie sonst nichts miteinander zu tun haben.
In einem wunderbaren Augenblick sind alles eines Geistes!

Alle? Ich sprach von 80.000 Zuschauern! Die Plätze für die Gastmannschaft habe ich der Einfachheit halber weggelassen. Alle, bis auf einen, jubeln, verwandt im Geiste, denn der Schlusspfiff ist soeben erklungen, auf’s Neue.
Alle in einem Geiste bis auf einen jubeln. Der eine jubelt nicht, der versucht zu verstehen: Warum jubeln die alle mit? Die spielen doch gar nicht selbst! Die bekommen doch keine Prämie! Die kennen die Spieler doch gar nicht persönlich und sich untereinander auch nicht!

Wir verstehen Paulus: Das Trachten des Fleisches bedeutet Tod. Diese Spaßbremse kann für das Leben nicht begeistert werden, das Leben geht an ihm vorbei, weil er es verstehen und nicht leben will. Entgeistert starrt er ins Leere, bis ihm schwarz vor Augen wird.

Den anderen soll’s rote Rosen regnen. Rote Rosen, die Gott an Pfingsten mit vollen Händen über uns wirft: Aufheben müssen wir sie allerdings selber oder geschenkt bekommen – warten Sie’s ab.

Amen.

Chor: Für mich soll’s rote Rosen regnen,
mir sollten sämtliche Wunder begegnen.

Kanzelsegen: Und der Segen Gottes, der größer ist als alle menschliche Vernunft, sei mit uns allen.
Amen.

 

 

Nachsatz:
….und nach dem Gottesdienst bekam jeder Gottesdienstbesucher eine Rose geschenkt.