Predigten in unserer Kirche

Altana Mitarbeiterfotos 2012
Prädikant Detlef Stürcken

Auf mehrfachen Wunsch wurde uns freundlicher Weise die letzte Predigt von Prädikant Detlef Stürcken für die Veröffentlichung zur Verfügung gestellt:

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes, des Vaters, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Der Predigttext für unseren Gottesdienst steht im Römerbrief. Es handelt sich um die Verse 14-24 aus dem 9. Kapitel. Ich lese nach der Übersetzung „Hoffnung für alle“.

„Bedeutet das etwa, dass Gott ungerecht ist? Auf keinen Fall!
Denn Gott hat einmal zu Mose gesagt: „Ich erweise meine Güte, wem ich will. Und über wen ich mich erbarmen will, über den werde ich mich erbarmen.“

Entscheidend ist also nicht, wie sehr sich jemand anstrengt und müht, sondern dass Gott sich über ihn erbarmt. Wie erging es dem Pharao? Die Heilige Schrift berichtet, dass Gott zu ihm sagte: „Ich habe dich nur deshalb als König über Ägypten eingesetzt, um durch dich meine Macht zu zeigen und meinen Namen in der ganzen Welt bekannt zu machen.“ Gott schenkt also seine Barmherzigkeit, wem er will, aber er macht Menschen auch hart und gleichgültig, wenn er es will. Sicher werdet ihr mich jetzt fragen: „Wie kann Gott dann noch von unserer Schuld sprechen? Wer kann denn etwas gegen Gottes Willen unternehmen?“ Darauf kann ich nur antworten: Wer seid ihr denn eigentlich, ihr Menschen, dass ihr meint, Gott zur Rechenschaft ziehen zu können? Glaubt ihr wirklich, dass ein Gefäß aus Ton den Töpfer fragt: „Warum hast du mich so gemacht?“ Der Töpfer hat schließlich die Freiheit, aus ein und demselben Klumpen Lehm zwei verschiedene Gefäße zu machen: ein kostbares zum Schmuck und ein gewöhnliches für den Abfall. Genauso wollte Gott an denen, die für das Verderben bestimmt sind, seinen Zorn und seine Macht sichtbar werden lassen. Und obwohl sie ihrem Untergang nicht entgehen konnten, hat er große Geduld mit ihnen gehabt. An den Menschen, die an seiner Herrlichkeit teilhaben sollen, wollte er dagegen seine Barmherzigkeit beweisen. So möchte er an ihnen in reichem Maße seine Herrlichkeit zeigen. Zu diesen Menschen gehören auch wir. Und er hat uns nicht nur aus dem jüdischen Volk, sondern aus allen Völkern berufen.

Liebe Gemeinde,

Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen, in der es um Glück und Unglück geht. Vielleicht kennen Sie diese Geschichte schon, die uns aus dem russischen überliefert wurde:
Einem Bauern läuft das Pferd davon.„So ein Unglück“, jammert der Bauer. Nach geraumer Zeit kommt das Pferd wieder und bringt ein zweites mit. „So ein Glück“, jubelt der Bauer, „jetzt habe ich zwei Pferde.“. Sein Sohn setzt sich sofort auf das neue und reitet damit eine Runde, fällt vom Pferd und verletzt sich den Fuß. „So ein Unglück“, jammert der Bauer. Der Sohn kann nur noch humpeln.. Eines Tages kommen Männer, Soldaten, die junge Leute für den Krieg holen wollen. Den hinkenden Sohn können sie nicht gebrauchen. „Welch ein Glück“, denkt der Bauer und lässt sie frohen Herzens weiter ziehen.
Glück im Unglück sagen wir. Oder auch: Wie ungerecht ist es doch auf den ersten Blick, dass dem Bauern das Pferd wegläuft. Und am Ende – wie gerecht ist es doch, dass durch das Zusammenspiel der verschiedenen Ereignisse der Sohn des Bauern vor dem Weg in den Krieg gerettet wird. Welch ein Segen.

Auch im Predigtext geht es um Ungerechtigkeit. Oder konkret um die Frage: Ist Gott ungerecht ? Es geht noch weiter: Es geht auch darum, ob Gott sich die Menschen aussucht, zu denen er gerecht und barmherzig ist und die Menschen zu denen er nicht gerecht und barmherzig sein will. Wenn wir uns diese Welt anschauen, dann kann tatsächlich oft das Gefühl aufkommen, dass Gott wirklich so vorgeht.
Warum läßt Gott das zu ? Das ist doch ungerecht. Kennen Sie diese Frage ? Haben Sie sich die Frage vielleicht auch schon einmal selbst gestellt. Vielleicht, wenn Sie wenn Sie im Fernsehen sehen, welche Schäden ein Erdbeben in Asien wieder angerichtet hat. Oder wenn Sie davon hören, wie Kinder mißhandelt werden ? Vielleicht, wenn Sie in der Zeitung lesen, dass wieder einmal Flüchtlinge im Mittelmeer nicht rechtzeitig gerettet wurden und ertrunken sind.
Warum läßt Gott das zu ? Das ist ungerecht.
Liebe Schwestern und Brüder, ich stelle mir diese Frage in dieser Zeit ganz konkret.
Ich weiß nicht ganz, ob es zulässig ist oder nicht, ob es angemessen ist. Aber ich möchte Ihnen erzählen, warum ich mir diese Frage gerade jetzt stelle: Heute vor drei Wochen ist mein Bruder gestorben. Sonntag mittag. In Bremerhaven. Beim Schneefegen. Einfach umgefallen. Plötzlicher Herztod. Er war nicht krank. Er hat mit seinen 59 Jahren regelmäßig Sport getrieben. Hat seine Familie, Frau, Kinder und Enkelkinder in den Mittelpunkt seines Lebens gestellt.
Gott , warum lässt Du das zu. Das ist ungerecht, denke ich, fühle ich.

Ja, wie kann Gott nur! Ich weiß es nicht. Ich habe bisher noch keine schlüssige und gültige Antwort auf diese Frage gefunden, die halbwegs befriedigend wäre, und ich glaube, es gibt auch keine Antwort – auch wenn der Apostel Paulus so tut, als hätte er eine Antwort gefunden. „Ist Gott ungerecht, das sei ferne! Lieber Mensch, wer bist du denn, daß du mit Gott rechten willst!“ Es geht alles so, wie es Gott gefällt – und keinen Deut anders. Sein Wille ist nicht hinterfragbar, von nichts und niemandem. „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“ Wenn es dir gut geht, dann freue dich und schätze dich glücklich; wenn es dir schlecht geht, dann hast du halt Pech gehabt. „So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.“ Wo gehobelt wird, fallen Späne.

Das ist halt so, da kannst du nichts machen. Das mußt du schlucken. Punkt! Und dann liefert uns Paulus noch ein Bild, das einleuchten soll: „Hat nicht ein Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäß zu ehrenvollem und ein anderes zu nicht ehrenvollem Gebrauch zu machen?“ Ja, dieses Bild leuchtet mir ein – und zugleich sträubt sich in mir alles dagegen. Das Bild mag richtig sein, aber es ist einfach nicht wahr. Ich wehre mich dagegen. Ich will das nicht akzeptieren. Ich spüre, wie ich trotzig werde und wie ich auf den Paulus eine Wut bekomme. Fast möchte ich ihn anschreien.

Ich möchte ihm sagen, daß er es sich sehr einfach macht, und daß ich sein Bild und seine Art des Argumentierens ganz unmöglich, grausam, unmenschlich und arrogant finde, Menschen, die durch welches Schicksal auch immer geschlagen und gebeutelt wurden, einfach so als mißratene Gefäße abzutun und das dann noch ganz in Ordnung zu finden. Ich möchte am liebsten das er mir in die Augen schaut in meiner Trauer. Ich möchte ihn mitnehmen zu meiner Schwägerin, damit er sein Sprüchlein noch einmal aufsagen kann. Ich möchte ihm wirklich meine Meinung ins Gesicht schreien.

Ich soll nicht mit Gott rechten? Jetzt gerade will ich mit ihm rechten. Die Antwort des Paulus ist für mich keine Antwort. Ich kann und will das so nicht stehen lassen. Nein, Paulus, da mache ich nicht mit! An diesem Punkt kannst du und Dein verqueres Gottesbild mir echt gestohlen bleiben! Also, so geht es nicht! Aber was nun?

Ich glaube doch an meinem Gott. Ich glaube doch an seine Gerechtigkeit. Ich glaube doch daran, dass er mit mir weint und bei mir ist in dieser schweren Zeit.
Vielleicht kann mir – kann uns -die Geschichte von Jesus im Garten Gethsemane ein Stück weiterhelfen. Jesus redet von Gott nicht als eines

willkürlichen Töpfers, sondern er redet ihn direkt an mit dem Wort, mit dem Jesus auch uns erlaubt hat, Gott anzurufen: „Vater“. Dieses Wort ist für mich ein Schlüsselbegriff.

Ich erinnere mich an meinen Vater, einen gutmütigen und toleranten Mann, der mir im allgemeinen sehr viel Freiraum ließ. Er konnte unter Umständen aber auch sehr hart sein, und wenn er, was nur selten vorkam, ein Ge- oder Verbot aussprach, dann setzte er dies auch mit unerbittlicher Konsequenz durch. Ich habe es als Kind und Jugendlicher nicht immer verstanden, wenn mein Vater ein Verbot aussprach und keinerlei Widerspruch zuließ.

Es gab auch genügend Situationen, in denen mir die Entscheidungen meines Vaters sinnlos und ungerecht erschienen und ich sie nicht akzeptieren konnte und mich der Gewalt und Macht beugend nur sehr widerwillig in seine Entscheidung fügte, Entscheidungen, die es mir im Augenblick der Entscheidung außerordentlich schwer machten, das Bild des sonst liebevollen, gemütlichen, liberalen und toleranten Vaters mit dem Bild des harten, fordernden, befehlenden und strafenden Vaters zur Deckung zu bringen. Im Nachhinein habe ich dann die Entscheidungen meines Vaters fast immer als gut und richtig bejahen und anerkennen können; es hat aber manchmal sehr lange, sehr sehr lange gedauert, bis ich soweit war.

Inzwischen habe ich selbst erwachsene Kinder. Ich bin selbst Vater und habe sicherlich auch Entscheidungen getroffen, die meinen Kindern manchmal nicht gefallen haben. Das eine oder andere Mal habe ich dann gesessen und geweint, dass ich – zum Schutz meiner Kinder – eine Entscheidung getroffen habe, die wohl aus ihrer Sicht ungerecht waren. Und dann kommt mir erst richtig zu Bewußtsein, was die Triebfeder war, die meinen Vater so und nicht anders entscheiden und diese Entscheidung dann auch durchsetzen ließ: Nicht Jux und Dollerei, nicht Willkür und Machtausübung um der Macht willen, sondern die Liebe und die Fürsorge, die für das Kind nur das Beste wollte und die das Kind vor Schwierigkeiten und Gefahren bewahren wollte, die für das Kind zu groß gewesen wären, als daß es sie hätte bewältigen können. Ich kann jetzt auch erahnen, wie schwer meinem Vater die eine oder andere Entscheidung gefallen sein muß.

Ich glaube , daß es sich bei Gott, dem himmlischen Vater ähnlich verhält wie bei den irdischen Vätern, und ich glaube, daß das Ereignis im Garten Gethsemane und die sich daran anschließenden Ereignisse mir das Recht geben, so zu glauben und mich daran festzuhalten. Ich glaube, daß alle Entscheidungen, die Gott über ein Menschenleben fällt, ihren

letzten und tiefsten Urgrund in Gottes Liebe haben. Wenn ich dies ausspreche, bin ich mir dessen sehr wohl bewußt, daß das wie der blanke Hohn klingen muß für jemanden, der unter so einer Entscheidung Gottes leiden muß. Für jemanden, den Gottes Hand so sehr gepackt hat, daß er schier daran zerbricht, für den ist nur sehr schwer, wenn überhaupt, nachvollziehbar, daß da Liebe im Spiel sein soll. Im Augenblick, da es weh tut, ist das auch völlig unmöglich – das geht einfach nicht.

Da sind nur Not, Angst, Schmerz, Leid, Kummer, Trauer und die verlangen ihr Recht und unterdrücken jegliche Gehirnakrobatik, die das Leiden verkleinern oder gar leugnen will. Vielleicht aber, wenn etwas Zeit darüber gegangen ist und die Wunde zu heilen begonnen hat, vielleicht gelingt es dem einen oder anderen, der einen schweren Schicksalsschlag in seiner ganzen Härte aushalten mußte, doch, sein eigenes Schicksal zusammenzudenken mit dem Schicksal Jesu Christi – und hinter seinem eigenen persönlichen Schicksal dieselbe Kraft Gottes zu erkennen, die hinter dem Schicksal Jesu Christi verborgen war, die Kraft, die Jesus Kreuz und Tod zugemutet hatte, um ihm, die Auferstehung zu ermöglichen – Gottes Liebe.
Und das gibt mir die Kraft – trotz aller Trauer – meinen Weg mit der Liebe Gottes weiterzugehen und auch weiterzugeben.

Und ich wünsche mir, dass es dem einen oder anderen, der durch das dunkle Tal des Leidens hindurch mußte, gelingt nach einiger Zeit zu erkennen, daß auch sein persönliches Gethsemane und Golgatha von der väterlichen Liebe Gottes umschlossen ist, die ihn seinem Ostern entgegenführt – vielleicht. Damit wir uns recht verstehen: Der Hinweis auf Gottes Liebe, die wie die Liebe des leiblichen Vaters auch Leid verursacht, ist für mich noch keine schlüssige und auch keine endgültige Antwort auf die Frage, warum es auf der Welt so ungerecht zugeht, warum Menschen leiden müssen, ohne daß Gott direkt und unmittelbar eingreift, keine letztendliche Antwort auf die Frage: „Ist Gott ungerecht?“

Der Hinweis, daß es Gottes väterliche Liebe ist, die alles, auch die Zeit des Leidens, des Schmerzes, des Kummers, der Not, der Angst, der Trauer umschließt, ist es aber, was mir hilft, diese Frage auszuhalten. Und diese Liebe Gottes ist es auch, die mir immer und immer wieder Hoffnung und Zuversicht gibt.

Kanzelsegen:

Und der Friede Gottes, welcher höher ist, als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus !
Amen